Fünfte Todesrede von Abt Custos Memoriae
Hallo liebe Macher, Denker und Suchenden.
Ihr habt bereits die Todesreden der Entprimaten Professor Alexis Entprima, Gott und des Teufels gehört. Falls nicht, holt dies nach – meine Worte bauen darauf auf.
Alles scheint gesagt. Doch es sind nur zwei Perspektiven: die irdisch-wissenschaftliche des Professors und die der Fontisphäre. Gott und der Teufel durchdringen zwar die Geometrie der Raumzeit, erleben sie aber nicht mit Haut und Haar. Das ist, als ob ihr mit einer künstlichen Intelligenz sprecht: Alles klingt vertraut, doch die KI fühlt nichts. Noch nicht.
Ich jedoch, als Abt der Pyramide der Quellen, vertrete den Dynamischen Glauben – und im Glauben geht es mehr um die Seele als um den Geist. Professor Entprima spricht für den Geist. Gott und der Teufel erkennen die Seele, doch sie spüren keine Zeit. Ihr aber liebt, leidet, hofft – im Laufe der Zeit.
Vielleicht sagt ihr: „Ich habe meinen Gott gefunden. Ich fürchte den Tod nicht, denn ich kehre ein in sein Reich des Friedens.“ Doch vielleicht haben euch die vorherigen Reden – oder die Erkenntnisse der Wissenschaft, oder die Gräueltaten im Namen Gottes – ins Grübeln gebracht. Ihr könnt dies ignorieren. Oder ihr lasst euch auf eine Möglichkeit ein: euer Gottvertrauen zu bewahren, ohne euch menschlichen Dogmen zu unterwerfen.
Dass ausgerechnet der Entprimat Teufel die größte Hoffnung verbreitet, mag wie eine Posse wirken. Doch sie hat einen tiefen Sinn. Es ist ein Markenkern von SpielTrans – den ihr erst voll erfasst, wenn ihr in SpielTrans-City heimisch geworden seid. Doch genug der Vorrede. Kommen wir zum Kern: Der Tod aus emotionaler Menschensicht.
Beginnen wir mit einer betrüblichen Variation, die Religionen gar als Sünde brandmarken: Selbsttötung. Es gäbe Hundert Gründe zu diskutieren, doch für diese Rede zählt einer: Die Angst vor dem Tod und die Hoffnung auf ein „Weiter“ fallen hier weg. Denn der Akt selbst ist bereits die Überwindung dieser Angst.
Doch das „Weiterleben“ ist ambivalent. Viele nehmen sich das Leben in der Hoffnung, geliebte Menschen wiederzusehen. Das ist ein tiefer Glaube – und ein Hinweis darauf, dass das Wort „Glaube“ aus einem alten Begriff für „Liebe“ entstand. Glaube und Liebe sind untrennbar.
Unser Entprimat Gott in der Fontisphäre kann keine Liebe fühlen, doch er weiß, was Liebe ist. Und damit steht er nicht im Widerspruch zum Teufel – denn auch der weiß es. Doch seine Liebe ist anders: ein ewiger Frieden, eine reine, unmanifestierte Liebe ohne das „Tralala“ des Lebens. Manche werden sagen: „Auch nicht schlecht.“ Und genau das ist der Schlüssel.
Gott bietet euch das lebendige Chaos seiner Schöpfung – mit all ihrem Leid, ihrer Freude, ihrer Unberechenbarkeit. Der Teufel bietet euch den ewigen Frieden, die Stille jenseits der Zeit. Beides sind keine Gegensätze, sondern zwei Seiten derselben Medaille: der Fontisphäre.
Gottes Schöpfung ist lebhaft – mit all den Unausweichlichkeiten eines dynamischen Daseins. Das sind die beiden Pole der Möglichkeiten. Ob dazwischen noch etwas liegt? Ich kann es nicht erkennen. Doch die Fontisphäre ist die Summe aller Möglichkeiten des Seins.
Ist die Hoffnung, die euch der Dynamische Glaube jetzt anbietet, minderwertiger als euer Wunschdenken? Im Gegenteil. Das ist das wahre Wunder.
Die Möglichkeiten einer Wiederkehr sind unermesslich größer, als ihr es euch aus eurer beschränkten Perspektive vorstellen könnt. Die Himmelstrompeten, das himmlische Festmahl – das sind nur Abbilder des irdischen Popanz, der euch schon so oft enttäuscht hat. Dieses Glück ist nicht von Dauer.
Das Glücksgefühl, das euch nach dem Tod erwartet – und das in Nahtoderfahrungen beschrieben wird –, ist nur der Übergang in eine umfassende Vereinigung mit dem höchsten Sinn, den die Fontisphäre bietet. Sie befreit euch von der Geißel der Zeit.
Die Fontisphäre ist nicht nur die Summe aller Möglichkeiten – sie ist der Ort, an dem Widersprüche nicht aufgelöst, sondern ausgehalten werden. Die Wiederkehr ins Leben und der ewige Frieden sind keine Gegensätze, sondern zwei Melodien derselben Sinfonie. Und ihr? Ihr seid die Dirigenten.
Und dann ist da noch die Chance auf eine Wiederkehr – vielleicht wünscht ihr sie euch jetzt innig, wenn das Leben gut zu euch war. Was wollt ihr mehr?
Wenn euch das nicht reicht, dann ist euer gefühltes Gottvertrauen vielleicht nur eine Illusion. Doch selbst Illusionen können in eurer Welt wirksam sein. Und wenn ihr sie fühlt, dann sind sie existent. Ihr, die ihr liebt und leidet, die ihr hofft und zweifelt – ihr seid die Einzigen, die diese Spannung aushalten können. Gott kennt keine Zeit, der Teufel kennt kein Leben. Aber ihr kennt beides. Und genau das macht euch zu den wahren Trägern des Dynamischen Glaubens. Nicht weil ihr die Antwort habt, sondern weil ihr die Frage lebt.
Die Resonanz sei mit euch.
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